Funktioniert das Radio, wenn die Öffentlichkeit zerfällt? Was die BBC von Habermas lernen will.
Ein Wortprogramm, das vor 25 Jahren noch King war, steht heute vor vielen Herausforderungen - vor allem vielen Podcasts
Es gibt bei den Radiodays Sessions, in denen es um Tools geht. Und es gibt Sessions, in denen es um etwas anderes geht.
Die von Mohit Bakaya gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Bakaya ist Controller (was immer das ist?!) von BBC Radio 4 und Director of BBC Speech Audio – also verantwortlich für genau das, was man klassisch als „Wortprogramm“ versteht.
Selbstbewusst, wie so viele BBC-Vertreter macht er direkt klar: Die BBC ist für viele immer noch Benchmark.Aber: „We face massive challenges.“
BBC 4: Ein Angebot, das man heute nicht mehr bauen würde
Einer der ehrlichsten Sätze der Session. Ein Programm aus Kultur, Büchern, Gesprächen, Musik – kein klarer Fokus, eher ein Gefüge. Bakaya beschreibt es selbst wie einen „Wald“, in den man hineingeht und sich etwas sucht. Das hat lange funktioniert. Aber heute?
Vor 25 Jahren war Speech Radio ein klar definiertes Feld. Heute konkurriert es mit tausenden Podcasts, On-Demand-Formaten und Sprachangeboten. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht: Wie entwickeln wir Radio weiter?
Sondern: Wie bleibt Radio überhaupt relevant?
Habermas bei den Radiodays? In einer lauter gewordenen Welt ein Anker für BBC 4.
Eine Welt, die lauter geworden ist – aber nicht klarer
Bakaya spannt den Kontext bewusst groß. Digitalisierung, KI, Social Media, Streaming, Brexit, Klimakrise – eine Gleichzeitigkeit von Veränderungen, die er als die tiefgreifendste seit dem Zweiten Weltkrieg beschreibt. Und er sagt: „Social media has amplified small and very loud voices.“
Die Öffentlichkeit fragmentiert sich. Extreme Positionen werden sichtbarer. Und genau das trifft den Kern dessen, wofür öffentlich-rechtliche Medien einmal gedacht waren.
Die Öffentlichkeit als Auftrag
An dieser Stelle wird es grundsätzlicher. Bakaya bezieht sich auf Jürgen Habermas und dessen Idee der „Public Sphere“ – einen Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen, wie in einem Kaffeehaus. Seine Diagnose:
Dieser Raum steht unter Druck. Und damit auch das, was ihn trägt: Vertrauen, Austausch, gemeinsame Realität.
Er erweitert diesen Gedanken mit drei Referenzen:
Hannah Arendt → Verlust von Wahrheit zerstört Vertrauen
Maya Angelou → Storytelling als Orientierung
Pope Francis → „Culture of encounter“ statt Abschottung
Das sind keine zufälligen Zitate. Das ist ein Versuch, Journalismus wieder normativ zu verankern, jedenfalls auch ein Weg, wie BBC 4 die Prinzipien des Senders umsetzen will.
Übersetzung in Programm
Aus diesen Ideen leitet die BBC 4 drei klare Felder ab:
Truth → Risk & Insight
Storytelling → Originality & Craft
Community → Hope & Connection
Die entscheidende Frage ist dann: Wie wird daraus Programm? Eine konkrete Antwort: Man öffnet das System.
Podcasts werden nicht mehr nur als Zusatz gedacht, sondern bewusst ins lineare Programm integriert. Dadurch kommen neue Zielgruppen in ein klassisches Angebot. Bakaya nennt das: „Broadening the spectrum.“
BBC 4 hat sich drei klare Handlungsfelder gegeben.
Zwei Welten – ein System
Die Zahlen zeigen, wie sehr sich Nutzung verändert hat:
rund 9 Millionen hören Radio 4 wöchentlich linear
rund 885 Millionen nutzen Inhalte digital, on demand oder als Podcast
Bakaya stellt zwei zentrale Fragen, wenn er auf diese Zahlen schaut:
Was müssen wir tun?
Und wie müssen wir es tun?
Die Antwort darauf ist keine Strategie im klassischen Sinne. Sie ist näher an einem Auftrag: Öffentlichkeit herstellen,
Vertrauen sichern, Unterschiede aushalten. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Session:
Während wir über KI, Tools und neue Formate sprechen, verschiebt sich die eigentliche Herausforderung an eine ganz andere Stelle. Nicht: Wie produzieren wir Inhalte? Sondern: Wie halten wir einen Raum offen, in dem sie überhaupt noch Bedeutung haben?