10 Technologien, die unsere Welt beeinflussen werden*
Amy Nordrum bei den Radio Days Europe in Riga
* sagt das MIT Technology Review jedenfalls
Ja es geht bei diesem Vortrag nicht um Radio - jedenfalls nicht direkt. Die Referentin: Wissenschaftsjournalistin Amy Nordrum, Executive Editor der MIT Technology Review. Ihre Top-10-Liste entsteht nicht als Zukunftsspielerei, sondern als redaktionelle Auswahl der Technologien mit dem größten absehbaren Einfluss auf Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag.
Die Redaktion schaut dabei nicht auf „small stuff“, sondern auf Technologien, die entweder schon pilotiert werden, in die Anwendung gehen oder in der Industrie sichtbar adaptiert werden. Interessant ist auch der redaktionelle Ansatz dahinter. Die Liste entsteht aus journalistischer Arbeit, nicht aus Investorendecks oder Unternehmens-PR: wissenschaftliche Publikationen, Anwendungspraxis, Industrieadaption, Debatten im Newsroom, gemeinsames Voting. Und Amy Nordrum sagt auch offen: Sie lagen in den letzten 25 Jahren oft richtig, aber eben nicht immer. Gerade das macht diese Liste seriöser als viele andere.
Was also sind die zehn Technologien, die aus Sicht von MIT Technology Review 2026 am meisten zählen?
1. Sodium-ion Batterien
Hier geht es um eine mögliche Alternative zu Lithium-Ionen-Batterien, nicht um ein sofortiges Ende der bisherigen Technologie. CATL hat 2025 die Massenproduktion von Natrium-Ionen-Batterien angekündigt und 2026 eine Reichweite von über 400 Kilometern für erste Fahrzeuge in Aussicht gestellt – interessant vor allem wegen der verfügbaren Rohstoffe und potenziell geringerer Kosten.
2. Generatives coding
Generatives Coding meint nicht nur Copilot und Assistenzfunktionen, sondern eine Verschiebung in der Art, wie Software entsteht. In einem kontrollierten Experiment mit GitHub Copilot erledigten Entwickler eine Programmieraufgabe im Schnitt 55,8 Prozent schneller; spätere Feldstudien deuten ebenfalls auf Produktivitätseffekte hin, wenn auch je nach Kontext sehr unterschiedlich.
3. Next-generation nuclear reactors (Hallo, Herr Söder!)
Hier geht es um neue Reaktorkonzepte, die kompakter gebaut werden und mit anderen Kühl- oder Materialsystmen arbeiten als klassische Leichtwasserreaktoren. Ein wichtiges Signal kam Anfang März 2026, als die US-Nuklearaufsicht erstmals eine Baugenehmigung für einen kommerziellen nicht-leichtwasserbasierten Reaktor erteilte – TerraPowers Natrium-Projekt in Wyoming.
4. AI companions: Achtung, nicht verlieben!
Amy Nordrum meint damit nicht bloß hilfreiche Chatbots, sondern KI-Systeme, die als dauerhafte soziale, emotionale oder sogar romantische Begleiter auftreten. Das ist keine Nische mehr: Common Sense Media fand 2025, dass fast drei von vier US-Teenagern solche KI-Begleiter bereits ausprobiert haben; gleichzeitig wächst die psychologische Debatte darüber, was diese Beziehungen mit Bindung, Einsamkeit und Abhängigkeit machen.
5. Geneditierte Babies
Das ist einer der sensibelsten Punkte auf der Liste, weil er zeigt, wie nah hochpersonalisierte Genmedizin an den frühesten Phasen des Lebens angekommen ist. 2025 meldeten NIH, CHOP und Penn Medicine die erfolgreiche Behandlung eines Säuglings mit einer individuell entwickelten Geneditierungstherapie gegen eine seltene, lebensbedrohliche Stoffwechselerkrankung – ein Durchbruch, auch wenn das noch weit von Routine entfernt ist.
6. Gene resurrection: Wiederbelebung ausgestorbener Arten
Hier geht es um den Versuch, ausgestorbene oder fast ausgestorbene Tierarten mithilfe von Genomik, Editierung und Klontechniken zumindest teilweise zurückzubringen oder genetisch wiederherzustellen. Firmen wie Colossal behaupten, mit dem „Dire Wolf“-Projekt erstmals eine Form der De-Extinction erreicht zu haben; unabhängig davon, wie man diese Behauptung bewertet, ist klar, dass die Technologien inzwischen eng mit Artenschutz, Biodiversität und massiven ethischen Fragen verknüpft sind.
7. Mechanische Interpretation von Künstlicher Intelligenz: LLMs verstehen
Das ist einer der spannendsten KI-Punkte auf der Liste, weil er versucht, große Sprachmodelle nicht nur nach ihren Ergebnissen zu bewerten, sondern ihre internen Rechenwege besser zu verstehen. Anthropic hat 2025 Methoden vorgestellt, mit denen sich Rechenschritte und „circuits“ in Sprachmodellen sichtbar machen lassen; das Ziel ist nichts weniger als eine Art Röntgenbild für Modelle, die bisher weitgehend Black Boxes sind.
8. Kommerzielle Raumstationen
Dass kommerzielle Raumstationen auf dieser Liste stehen, zeigt, wie stark sich Raumfahrt aus staatlichen Programmen in Richtung privater Infrastruktur verschiebt. Die Firma Vast bewirbt Haven-1 als erste kommerzielle Raumstation und hatte im Frühjahr 2025 noch einen Start im Mai 2026 als Ziel genannt – ein Zeichen dafür, wie nah diese Projekte inzwischen an der Umsetzung sind, auch wenn Zeitpläne in der Raumfahrt notorisch unsicher bleiben.
9. Embryonen Bewertung: Hier wird mir mulmig …
Das vielleicht kontroverseste Element der Liste. Gemeint ist die Auswahl von Embryonen auf Basis polygenetischer Risikoscores, also statistischer Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten oder Merkmale; Fachliteratur zeigt, dass diese Verfahren technisch weiter vorankommen, zugleich aber unter Reproduktionsmedizinern stark umstritten bleiben.
10. Hyperscale KI-Datenzentren
Das ist die infrastrukturelle Rückseite des gesamten KI-Booms. Laut IEA verbrauchten Rechenzentren 2024 weltweit bereits rund 415 TWh Strom - das sind etwa 1,5 Prozent des globalen Stromverbrauchs; besonders KI-getriebene Hyperscale-Zentren können laut IEA deutlich über 100 Megawatt Leistung brauchen und werden damit zu einem Energie- und Standortthema ersten Ranges.
Hier kann man abstimmen, was die Nummer 11 auf der Liste sein soll.
Was ich an dieser Session stark fand: Amy Nordrum verkauft diese Liste nicht als Orakel. Sie beschreibt vielmehr, wie eine Redaktion versucht, zwischen Hype, Pilotprojekt, realer Anwendung und gesellschaftlicher Wirkung zu unterscheiden.
Wo Technologie in unser Leben eingreift - das ist in Teilen erschreckend, in Teilen erhellend. Ich sehne mich fast schon nach dem Rauschen unperfekter UKW-Wellen …