KI kommt, Journalismus bleibt. Was wir vom Umgang der BBC mit generativer KI lernen können
Nicky Birch leitet das BBC-Programm für Generative KI
Nicky Birch ist “Innovation Lead für das Generative-AI-Programm” der BBC. Ihr Blick ist nicht technisch, sondern grundsätzlich: Was passiert mit Journalismus, wenn sich durch KI nicht nur die Werkzeuge verändern, sondern die Beziehung zum Publikum? Die Ausgangslage ist auch in UK klar: steigender Druck auf die BBC-Teams, sinkende Ressourcen – und gleichzeitig die technologische Notwendigkeit, KI einzusetzen. Die BBC hat dabei klare Prinzipien formuliert: Erstens: Immer im Interesse des Publikums handeln. Zweitens: Kreativität vor Technologie stellen und drittens: transparent sein.
Dass das notwendig ist, zeigt ein Beispiel: Nicky Birch zeigt ein BBC-Video von einer Explosion direkt neben einem Reporter im Libanon. Tausende Kommentare - alle debattieren, ob das Video KI-generiert ist, ob es sich hier um ein Deepfake handelt. BBC justiert darauf seine Strategie und platziert auf Videos und Bilder aus Kriegsgebieten schon direkt mit der Publikation einen Verifikations-Hinweis: „We verified that this is real.“ Die Aufregung in den Kommentarspalten, so Birch, sinkt relativ schnell.
Das Publikum beginnt KI in den Medien zu akzeptieren
Eine zentrale Beobachtung aus dem Vortrag: Je mehr Menschen selbst KI nutzen, desto eher akzeptieren sie auch ihren Einsatz durch Medienhäuser. Das jedenfalls hat auch eine Studie der BBC ergeben. Aber diese Akzeptanz ist klar begrenzt. Nicky Birch sagt, das Pubilkum erwarte drei Dinge:
Transparenz
Verantwortung
klare Regeln
Besonders auffällig: Übersetzung ist einer der wenigen Bereiche, in denen KI nahezu widerspruchslos akzeptiert wird. Hier erwartet das Publikum sogar unterschiedliche Sprachen. Nicky Birch sagt: Wenn wir das nicht tun, macht es das Publikum selbst oder eben Drittplattformen.
Die BBC setzt generative KI immer mehr konkret ein – vor allem dort, wo Inhalte effizienter aufbereitet werden können. Beispiel: kurze Audio-Updates für Nischenzielgruppen, etwa für Fans kleinerer Fußballvereine. Grundlage sind bestehende BBC-Inhalte, die mit Tools wie ElevenLabs und ChatGPT verdichtet und vertont werden. Auch dabei hat sich die BBC klare Grenzen gesetzt: Journalisten des Senders produzieren den Inhalt – KI bereitet ihn auf oder optimiert die Zusammenstellung. Es werden keine externen Quellen aus dem Netz „zusammengesucht“, auch keine Inhalte alleine durch die Maschine generiert, die nicht journalistisch begründet oder geprüft sind. Oder anders gesagt: “KI optimiert Journalismus. Sie ersetzt ihn nicht.”
KI scannt die CvD-Mailbox und macht daraus Nachrichten: Ist das Journalismus?
Interessant ist, dass die BBC KI nicht nur auf Inhalte denkt, sondern entlang der gesamten Wertschöpfung. Ein Beispiel aus der Praxis: Redaktionen werden täglich mit einer kaum noch beherrschbaren Menge an Mails und Pressemitteilungen konfrontiert. KI kann hier vorsortieren, clustern und daraus sogar erste hyperlokale Inhalte ableiten. Hier setzt eine BBC-KI ein, die alle CvD-Mailboxen nach Nachrichten, PR-Meldungen, OTS scannt und erstellt daraus einen eigenen Nachrichten-Kanal. Das ist Verlautbarungsjournalismus, aber es erhöht - bei entsprechenden klarer Markierung, bei Transparenz - die Auffindbarkeit des Senders in der Region. Ein bekanntes und akzeptables Muster? KI übernimmt nicht das, was Journalisten gut können – sondern das, was sie schlicht nicht mehr leisten können.
Die eigentliche Verschiebung
Der vielleicht wichtigste Punkt liegt aber woanders. Früher haben Medienhäuser entschieden, wie Inhalte aussehen, klingen und verbreitet werden. Heute kann das Publikum selbst wählen – Stimme, Sprache, Format. Es kann Inhalte neu kombinieren und sich sein eigenes „Programm“ bauen. Das bedeutet: Kontrolle verschiebt sich.Die BBC will hier die Kontrolle wieder erlangen, vor allem über die eigenen Inhalte. Wenn der Content mit KI übersetzt, adaptiert, verändert werden soll - dann will die BBC das selbst mahen.
Denn am Ende läuft alles auf Vertrauen hinaus. Nicht als abstrakter Wert, sondern bei jedem Einsatz von KI. Vertrauen muss aktiv gewonnen werden, immer und immer wieder.